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Gott sei Dank ist das Foto von mir und unserem albernen Adventskranz, das eigentlich für meinen Weihnachtsbrief vorgesehen war, nicht nur kompatibel mit Weihnachten, sondern ebenso kompatibel mit meinen vierten Geburtstag! Wegen der vier Kerzen! Ein glücklicher Zufall, gell?
Purer Zufall war es auch, dass meinen Mädels in den letzten Monaten ganz viele Märchen erzählt wurden. Irgendwann wurde es ihnen aber zuviel - sie beschlossen schließlich schweren Herzens, ihr Märchenstunden-Abo nicht mehr zu verlängern. Aber das Thema “Märchen” hat mich fasziniert. Und so bin ich auf die Idee gekommen, dir mal zur Abwechslung ein wahres Märchen aufzuschreiben. Es hätte eigentlich ein Weihnachtsmärchen werden sollen. Jetzt ist es halt eben :
EIN NACHWEIHNACHTLICHES GEBURTSTAGSMÄRCHEN
Es war einmal eine alte Königin, die lebte zusammen mit ihrer Tochter - der liebreizenden Prinzessin - in einem großen Dorf mit dem liederlichen Namen Poppenreuth. Sie wohnten, mehr oder weniger glücklich, in einem winzig kleinen Schloss. Die alte Königin gehörte einst in grauer Vorzeit einer bunten Schar friedvoller Menschen an, bei denen es Sitte war, dass sich die Weiber in bunte Gewänder aus dem fernen Indien hüllten und bunte Blumen im Haar trugen. So kam es, dass die Schlossmauern zwar bescheiden elfenbeinfarben waren, aber die Gemächer im Schloss - selbst die kleinste Notdurftkammer - allesamt bunt waren.
Dem Gemahl der alten Königin war es schon vor vielen Jahren einfach zu bunt geworden. Er hatte sein Bündel geschnürt und war in die Welt hinausgezogen, um sich ganz in der Nähe - nur ein paar Wegkreuzungen weiter - in einer eigenen Burg niederzulassen.
Auch der erstgeborene Prinz der alten Königin hatte - kaum dass er vom Knaben zum Manne gereift war - dem bunten Schloss den Rücken gekehrt und lebt seitdem, bis zum heutigen Tage, in der unbedeutenden Nachbarstadt Nürnberg. Die Königin hatte sich, im Gedenken an ihre eigene Jugendzeit, viele Jahre lang der Hoffnung hingegeben, der Prinz möge ein Minnesänger mit langem Haar werden, der zur Klampfe Lieder singt - Lieder über enttäuschte Minne - Lieder gegen Völkerschlachten und für den Weltfrieden - Lieder eben, die ihr zu Herzen gehen. Aber der Prinz trotzte seiner Mutter. Er trug das Haar kurz und kredenzte dem Pöbel, der sich regelmäßig um ihn scharte, auf zwei Plattentellern eine wunderliche Musik. Diese Musik kam gänzlich ohne Worte aus - und eigentlich auch gänzlich ohne Musik! Diese Musik ging der Königin gar nicht zu Herzen - sie ging ihr ganz woanders hin! Trotz alledem sind Königin und Prinz einander immer noch von Herzen zugetan.
Also lebten die zwei Edeldamen schließlich allein in ihrem bunten Schloss. Aber sie waren nicht einsam, denn bei ihnen lebte eine wunderbare schwarze Hündin namens Alice. Auch Alice war eine Prinzessin, denn sie war edler Abstammung - ein Abkömmling derer “von Salmannsdorf”. Die Hündin war sich ihrer Würde wohl bewusst - sie war Zeit ihres Lebens die stolze Herrscherin über die gesamte Hundewiese. Sie regierte über ihre Volk auf die ihr eigene, gnädige Weise - nur sehr selten war sie gezwungen, respektlosen Untertanen zu nahe treten zu müssen. Besonderes Wohlgefallen fand sie an Menschen - ob groß oder klein. Dies alles trug ihr schließlich den Titel “Prinzessin der Herzen” ein. Wann immer die Königin ihre Hündin ansah, hüpfte ihr das Herz im Leib vor lauter Glück. Aber die Hündin wurde alt und starb schließlich in den Armen der Königin. Mit der Hündin schien auch jegliches Glück entschwunden zu sein. Kein Lachen drang mehr durch die Schlossmauern nach außen - es war still geworden in dem winzigen, bunten Schloss.
Es ergab sich zu jener Zeit, dass im Nachbarland Österreich ein Welpe das Licht der Welt erblickte, der dem geliebten Hund der Königin zum Verwechseln ähnlich sah. Auch in des Welpen Adern floss blaues Blut - dass dieses Blut nicht nur blau, sondern auch heiß war, vermochte zu dieser Zeit noch kein Mensch zu ahnen. Der Welpe - eine Hündin - entstammte dem selben edlen Geschlecht wie Alice. Seine Abstammung und sein herzallerliebstes Aussehen halfen dem Welpen die Königin zu narren - und so durfte er mit ihr ziehen - in das winzige bunte Schloss. Die beiden Edeldamen wähnten sich zu dieser Zeit noch glücklich - sie waren voller Zuversicht, dass diese Hündin das sanfte Wesen ihrer Alice haben würde. Ja - diese Hündin würde auch eine Alice werden - eine Prinzessin der Herzen! So dachten sie!
Aber die Hündin belehrte sie bald eines Besseren! Kaum hatte sie eine Pfote über die Schwelle gesetzt, tat sie auf ihre Weise kund, dass sie sich nie und nimmer mit einem Prinzessinnen-Titel zufrieden geben wird. Sie war eine Königin ! Sie ergriff sogleich Besitz von dem , mit feinstem hellblauen Leder bezogenen, Herrscher-Thron - der ursprünglich nur der Königin und der Prinzessin vorbehalten war. Es half den Edeldamen kein Bitten und kein Flehen und auch kein Zetern - die Hündin hatte von diesem Zeitpunkt an das Zepter fest in ihren Pfoten.
Wann immer die Hündin zu fressen begehrte, tat sie das mit starrem, gebieterischen Blick kund : “Man reiche mir Leckereien! Jetzt!” Aber sie nahm ihre Leckereien nicht etwa mit sanftem Maul entgegen. Sie entriss es der Königin Hand mit unersättlicher Gier - gleich einem hungrigen Wolf !
Wollte die Hündin gekost werden, hüpfte sie auf den königlichen Schoß :” Man herze und kose mich! Jetzt!” Bei welcher Tätigkeit die Königin dabei auch gestört wurde, wie viele Tassen aus edlem Porzellan dabei auch zu Bruch gingen, wie viele Liter frischgebrühten Tees sich auch im Laufe der Zeit auf die feinen königlichen Gewänder ergossen - der Hündin war es herzlich egal!
Begehrte die Hündin Zeitvertreib, dann musste das sogleich geschehen;” Mir steht der Sinn nach spielen! Man bespaße mich! Jetzt!” Kam man ihrem Wunsche nicht auf der Stelle nach, “spielte” sie eben mit den Besitztümern der Edeldamen. Manch wohlgehütetes Kleinod war danach keines mehr - die Hündin kümmerte das nicht.
Wohl kam es der Königin ein ums andere Mal in den Sinn, dass sie längst zur Hofnärrin, Kammerzofe und Magd dieser Hündin geworden war, aber sie war guten Mutes, dass sie das ungestüme Tier schon bald bändigen könne. In ihrer Einfalt dachte sie sich, dass das nur mit Love und Peace und “ Lets go to San Francisco and wear some flowers in your hair “ wohl zu schaffen sei. Bald schon würde diese Hündin eine Alice werden! Bald! Ganz gewiss!
Monate gingen ins Land - aber die Hündin wollte einfach keine Alice werden. Sie hatte sich mittlerweile selbst zur Königin der Hundewiese ernannt. Aber sie regierte so unbeherrscht, dass sie jederzeit eine Revolution befürchten musste. Sie duldete keine andere Königin neben sich - meist auch keinen König. Allein die zarten, demütigen Untertanen konnten auf Gnade hoffen. Sie wurden von der Hündin jedoch zu Spaß und Spiel genutzt, was auch nicht eitel Wonne für sie bedeutete! Wann immer die Königin dieser Hündin beim Spiel zusah, hüpfte ihr das Herz im Leib - aber nicht vor Glück! Panem et circenses - das schien alles zu sein, was diese Hündin begehrte!
Die Jahre zogen ins Land - das Haar der Königin war vor Gram grau geworden, was sich mit Hilfe der Alchemie aber in das ursprüngliche Dunkelbraun verwandeln ließ. Allein die Hündin wollte und wollte sich nicht in eine Alice verwandeln lassen. Zwar hatte man ihr die beste Erziehung angedeihen lassen - auch wurde sie inzwischen zur Arbeit herangezogen, aber sie widersetzte sich beharrlich dem Ansinnen, von ihrem Thron herabzusteigen. Rief man sie zur Arbeit, so tat sie zwar mit Eifer, was ihr befohlen wurde - aber immer wieder geschah es, dass sie dabei sämtliche Regeln missachtete, die je von Menschen für gerade diese Hundeart aufgestellt worden waren. Regeln und Gesetze galten für sie nur nach Belieben - sie war ja die Königin. Ihren Untertanen gegenüber ließ sie etwas mehr Milde walten - aber wehe dem, der es wagte, gegen sie aufzubegehren! Diese Hündin fürchtete weder Tod noch Teufel! Sie tat zwar keinem etwas Böses zuleide - aber sie nötigte die Aufrührer, sich vor ihr in den Staub fallen zu lassen, oder ihr wenigstens mit einem tiefen Hofknicks ihre Ehrerbietung zu erweisen. Obendrein erdreistete sich die Hündin inzwischen, eigenmächtig zur Jagd auf Hasen und jedwedes andere wilde Getier aufzubrechen, wann immer der Wind ihr deren Geruch zutrug.
Die Königin missbilligte dieses Verhalten zutiefst - war sie doch selbst eine eher sanfte Regentin. Sie zog die besten Hunde-Gelehrten des Landes zu Rate, wie mit der Hündin umzugehen sei. Nachdem sie alle angehört hatte, überkamen sie Zweifel. Konnte sie es übers Herz bringen, die Hündin auf dem Markt feilzubieten, oder sie gar den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen, wie ihr angeraten wurde? Niemals!! Es kam ihr daraufhin die verwöhnte Königstochter aus dem Nachbarreich in den Sinn, von der man sich erzählt, sie habe einen Frosch in einen Prinzen verwandelt. Dann sollte es doch wohl auf gleiche Weise möglich sein, eine wilde Hündin in eine sanfte zu verwandeln! Aber es würde ihr wohl das Herz brechen, wenn sie die Hündin gegen eine Wand werfen müsste. Und mit küssen hatte sie es ja schon versucht - die Hündin hatte sich nicht verwandelt. Endlich besann sie sich auf die Worte einer weisen Frau aus dem Volke :” Meine Königin - diese Hündin wird nie eine Alice werden! Denn gerade diese wilde Hündin ist euch vom Schicksal gesandt worden - auf dass ihr von ihr lernen sollt!” Die Königin versank daraufhin über viele Monate in tiefes Grübeln.
Während die Königin noch grübelte, begab sich die Prinzessin zu ihrem Liebsten - vielleicht wusste er des Rätsels Lösung, wie man die Hündin in eine Alice verwandeln könne. Immerhin war er einer der wackeren Wächter über die Einhaltung von Recht und Gesetz im Volke. Aber selbst ihm, der ohne Mühen den schlimmsten Pöbel bändigen konnte, sank das Herz in die Beinkleider - nein, diese wilde Hündin, die fürwahr fast alle Gesetze brach, vermochte er nicht zu bändigen! Dies tat er mit Bedauern seiner Liebsten kund, die daraufhin enttäuscht seinen Armen entfloh und zurück zur grübelnden Mutter ins Schloss eilte. Wie konnte sie auch ahnen, dass die Worte des Liebsten nur Lug und Trug waren. In Wahrheit hatte er sich von der Hündin bestechen lassen - mit speichelgetränkten Klappar Tigern und Ratten aus Stoff, mit denen sie ihn buchstäblich überhäufte, sobald sie seiner ansichtig wurde. So schlich sich die Hündin mit ihren stürmischen Liebesbezeugungen - sofern sie dabei nicht gerade seine schmucke Uniform beschmutzte - mehr und mehr in sein Herz. Aber er musste Stillschweigen wahren, denn er hatte sich der Bestechlichkeit schuldig gemacht - was einem Manne seines Standes, unter Androhung der schlimmsten Strafen, verboten war.
Eines schönen Tages geschah es dann, dass der Königin Seltsames widerfuhr. Sie lustwandelte über Felder und Auen - die Hündin führte sie am Strick, auf dass die nicht ihrem Trieb frönen könne, den Hasen nachzujagen. Die Königin hielt das Haupt gesenkt - sie sinnierte immer noch über den Spruch der weisen Frau. So bemerkte sie nicht, dass eine riesige Hündin, die einem Wolf bis aufs Haar glich, des Weges kam. Die Wolfshündin nahte alsbald mit wütendem Gebell! Hinter ihr her rannte ein altes schwaches Weibchen, das der Königin zurief :” Die tut meist nichts!” Dies sollte wohl die Angst der Königin beschwichtigen - jedoch war es gerade das Wörtchen “meist”, das ihr Herz vor Angst erbeben ließ. Die Wolfshündin war in der Zwischenzeit nur noch drei Armlängen von ihr entfernt - sie duckte sich, zum Sprung auf die königliche Hündin bereit, knurrend und mit gefletschten Zähnen! Was blieb der Königin übrig, als den Strick ihrer Hündin fallenzulassen, und sich einige Schritte zu entfernen. Auf der Stelle stürmte die Hündin wagemutig der riesigen Wolfshündin entgegen! Die Königin wandte sich mit Grauen ab, in Erwartung einer fürchterlichen Schlacht!
Und da vollzog sich eine sonderbare Wandlung in ihrem Denken! Sie dachte nur ganz kurz an die vielen Goldtaler, die sie wohl nach der Schlacht an den Viehdoktor zahlen müsse. Viel mehr noch quälte sie die Furcht, die Hündin könnte ihr Leben lassen, im Kampf gegen die wohl übermächtige Wolfshündin. Das Herz im Leib tät ihr zerspringen, denn sie liebte diese Hündin längst inniglich! Wie sehr reute sie jetzt ihr geheimer Wunsch, die Hündin solle einmal ihren Meister finden, der sie ihrerseits in den Staub drückte, und ihr damit ihren Hochmut nähme. Welch frevlerisches Gedankengut hatte sich da ihrer Sinne bemächtigt! Wie oft hatte sie den übermäßigen Wagemut der Hündin verdammt. Aber hatte sich die Hündin vielleicht sogar ihr zuliebe der Wolfshündin entgegen gestürzt - um sie zu schützen? Der Königin schwanden fast die Sinne vor Angst!
Da wurde sie der unerwarteten Stille gewahr und wagte einen zaghaften Blick auf die beiden Hunde. Was sie sah, ließ ihr die Augen feucht werden vor Erleichterung. Ihre Hündin hatte sich der Wolfshündin mutig quer in den Weg gestellt - gleich einer Statue stand sie da! Die Wolfshündin jedoch, dicht vor ihr stehend, hatte den Kopf abgewandt! Sie hatten auf ihre Weise einen Nichtangriffspakt geschlossen! Die Königin dachte sich im Stillen, ob es wohl auch ein so gutes Ende genommen hätte, wenn die Hündin nicht über alle Maßen von ihrem Selbst überzeugt wäre? Sie nahm ihre geliebte, tapfere Hündin an den Strick und eilte glücklich nach Hause in das winzige bunte Schloss.
Und wenn sie nicht gestorben sind, und wenn die Hündin nicht mehr gar so übermütig wird, und wenn die Hündin etwas mehr Disziplin bei der Arbeit zeigt, und wenn die Hündin nicht mehr ganz so grob mit anderen Hunden spielt, und wenn die Hündin sich etwas weniger als Königin der Hunde aufspielt, und wenn die Hündin etwas besser auf den Sitzpfiff hört, dann lieben die Edeldamen ihre Hündin noch heute.
ENDE
So Mama - das war ein wahres Märchen, weil sich das genauso - bis auf ein paar Abweichungen - tatsächlich zugetragen hat. Und jetzt kommt die Überraschung! Diese schwarze, wilde Hündin bin ICH ! Das hättest du jetzt nicht gedacht - oder? Da staunst du jetzt, gell?
Oh - Mist Mist Mist - da fällt mir ein - ich habe die Pointe des Märchens vergessen! Mist! Echt!
Also - da waren doch die Worte dieser weisen Frau, über die die Königin so lange gegrübelt hat - erinnerst du dich? Hier ist die Auflösung : Die wilde Hündin ist wirklich keine Alice geworden - sie wird auch nie eine werden. Aber das braucht sie auch nicht mehr, denn die Königin hat endlich begriffen, dass sie jedem Hund seinen eigenen Platz geben muss. Alice hat den Platz in ihrem Herzen - und die wilde Hündin hat den Platz in ihrem Leben.
Und was meinte die weise Frau, als sie sagte, dass die zaghafte Königin etwas von der wilden, selbstbewussten Hündin lernen sollte? Die Auflösung besteht ganz zufällig aus einem der Lieblingssprüche des alten Mädchens: “ Wer sich zum Schafe macht, den fressen die Wölfe !”
So Mama - da hast du jetzt was zum Grübeln! Ich liebe jedenfalls meine beiden Mädels - gerade weil sie so sind, wie sie eben sind - Schäfchen halt !
Bis bald, Mama
deine wilde Zoe
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